Abwasser im Mittelmeer

Ein grimmig schauender Stofftier-Oktopus sitzt auf dem Knie einer Badenden am Strand, im Hintergrund das Meer.

Jetzt wo ich eure Aufmerksamkeit habe, kann ich wieder beschönigende Worte und Umschreibungen verwenden. Es geht um Defäkationsobjekte. Im Meer. Was ist hier los?

Neulich in Dalmatien, man glaubt es kaum, was schwimmt denn da? Ein brauner Schaum. Die Leute baden in Seelenruh- und ich seh ihnen dabei zu. Mich würgt, mich reckt, wie sonderbar, niemand außer mir sieht die Gefahr!

Brauner Schaum. Finde ich ziemlich schlimm.

Zunächst: wir haben ein Klo-Geh-Problem in Europa, denn es gibt zu wenige und zu schmutzige öffentliche WCs, doch dazu ein andermal. Heute geht es dezidiert um unsere schöne Adria und Mittelmeerküsten. Egal, ob in Griechenland, Spanien oder Kroatien, Italien und Frankreich: Abwasser von Schiffen geht ins Meer.

Je nach Wind und Wetterlage, schäumt das Meer früher oder später am Ufer. Mal mehr- mal weniger, teilweise haben sich Festbestandteile schon aufgelöst, teilweise nicht. Schaum im Meer ist immer ein Hinweis auf etwas, das hineingelangte- ich kenne keine einzige im Mittelmeer existierende Pflanze oder Fisch, welcher in großen Massen Shampoo produzieren würde. Es gibt eine Pflanze, die Shampoo-Ginger (Zingiber zerumbet) aus Hawaii kann das, aber die wächst nicht im Meer.

Vielen Kreuzfahrt- und Tourismusschiffe fahren tagein tagaus zwischen Festland und Inseln hin und her und bringen Tourist:innen an abgelegene Traumstände. Schiffe haben keine eingebaute Kläranlage und die Klo-Inhalte werden auch nirgendwo gesammelt.

Abgesehen vom Ekel und davon, dass man mit dem Kopf oder egal welchen Körperteilen und -öffnungen aus hygienischen Gründen (z.B. Bakterien) vielleicht nicht einen Schluck dieses köstlichen Wassers machen sollte, birgt die Verkotung der Meere noch weitere Gefahren. Mmmm frische Fische…würg-

Abwasser ins Meer statt Kläranlage?

Ein weiteres Thema, über welches zu wenig gesprochen wird, ist dass viele Länder nach wie vor keine Kläranlagen haben, sondern Sickergruben und manche verfügen über gar kein Abwasser System.

2021 veröffentlichen Forscher:innen eine ausführliche, vergleichende Studie zu welteweiten Abwassereinleitungen ins Meer. Das meiste Abwasser wird in China ins Meer geleitet – das ist zwar weit weg und wir finden ohnehin alles schlecht, das dort passiert, aber sämtliche Billig-Souvenirs, die man im Urlaub kaufen kann, werden in Fabriken hergestellt, die ungefiltert Chemie und Abwasser in die Umwelt leiten. Wir sind mitverantwortlich.

Auf einer Weltkarte der Abwasser kann man sich ein Bild der braunen Suppe machen. Wo sonst vermeintlich kristallklare Buchten zum Urlaub locken, verbirgt sich zumindest meistens, aufgelöst Fäkalien und unsichtbare Chemie.

So shitty ist das Mittelmeer wirklich. Diese Weltkarte der Abwassereinleitungen zeigt die ins Meer geschwemmten Stickstoffmengen.

Shitty Meer

Erschreckend, sind für mich die Daten aus Europa, aber ich sehe es ja auch mit eigenen Augen, wie ich hier berichte. Deutschland ist auf Platz 10 weltweit, zwar nicht das Mittelmeer- aber dort fahren zumindest alle hin. Einfach eine Schande, dass wir uns im Norden Europas selbst als die super zivilisierten, „besseren“ Menschen betrachten.

In Kroatien gingen 2020 Bilder um die Welt, als ein ganzer Kot-Teppich vor der Küste schwamm. Bis heuer stehen über 1 Mrd Euro aus EU-Mitteln zur Verfügung, die in Abwasserprojekte fließen sollen; im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass nach wie vor Vieles ins Meer fließt… Der zuständige EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei, Virginijus Sinkevičius sagte beispielsweise 2020: „in einigen EU-Mitgliedstaaten muss die Abwasserinfrastruktur besser geplant und finanziert werden„.

Offenbar spielt Schlechtwetter auch noch oft eine Rolle, weshalb Kläranlagen dann sozusagen übergehen und der Abfluss geht – wohin sonst – ins Meer. Ich erinnere mich, dass mich ein Grieche einmal mit dem Satz: „der Schaum ist vom Wetter“ beschwichtigten wollte. Aber zumindest bisher regnet es nicht braune Brühe vom Himmel – es ist menschengemacht. Auch der Sonnencreme-Ölfilm ist ein Problem.

Ich habe nirgends so schmutziges Badewasser gesehen, wie an der Westküste Spaniens. Es finden alle ganz „normal“ bei gelber Flagge im (Ab-) Wasser zu baden. Anhand der Daten kann man sehen, dass es kaum eine Region gibt, wo kein Abwasser ins Meer gelangt. Die rote Flagge ist beispielsweise auf Mallorca keine Seltenheit, dort gingen regelmäßig die Kläranlagen über. Auch Großbritannien machte mit überlasteten Kläranlagen bei Schlechtwetter Schlagzeilen: insgesamt eine Million Stunden lang flossen ungeklärte Abwässer im vergangenen Jahr an britischen Küsten ins Meer.

Die einzige Wurst, die ich im Meer finden möchte, ist eine Seegurke. Die wohnt dort.

Auswirkungen

„Unbehandeltes Abwasser kann mit gefährlichen Chemikalien, Bakterien und Viren verseucht sein und dadurch die menschliche Gesundheit gefährden. Außerdem enthält es Nährstoffe wie Stickstoff oder Phosphor, die das Süßwasser oder die Meeresumwelt schädigen können, indem sie übermäßiges Algenwachstum begünstigen und dadurch anderes Leben ersticken (Eutrophierung).“

Europäische Kommission (2020). EU-Bericht zu Kommunalem Abwasser
Traumbuchten…

Laut den Forscher:innen bedeuten Abwässer eine Gefahr für das marine Küsten-Ökosystem, öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft. Folgewirkungen sind schwindende Fischbestände, Lebensraumverlust und gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen. 6,2 Millionen Tonnen Stickstoff gelangen so den Berechnungen nach in die weltweiten Küstenmeere.

„Wastewater inputs of pathogens and nitrogen into coastal oceans present clear challenges to coastal ecosystems, public health, and economies across the planet. Beyond these direct impacts, our results suggest that wastewater inputs are likely to interact with the plethora of anthropogenic stressors to coastal ecosystems, leading to declining fisheries, habitat loss and degradation, and human health impacts.“

Tuholske C, Halpern BS, Blasco G, Villasenor JC, Frazier M, Caylor K (2021) Mapping global inputs and impacts from of human sewage in coastal ecosystems. PLoS ONE 16(11): e0258898. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0258898

Für die Umwelt hat das Folgen: eingenommene Medikamente (z.B. Antibiotika), werden in Teilen wieder ausgeschieden und so gelangen Stoffe oder endokrine Dysruptoren (das sind hormonelle Stoffe, die in vielen Kosmetika, Weichspülern, Plastik etc. enthalten sind und sich auf das menschliche Hormonsystem auswirken können), direkt ins Meer und in das dortige Ökosystem. Auch sämtliche Reinigungsmittel, die wir verwenden gelangen ungefiltert zurück in die Umwelt.

Hormon-Spiegelei zum Frühstück, Antibiotika-Huhn am Salat zu Mittag und Bakterien Fisch zum Abendessen.

Wir müssen alle zusammen wirklich viel mehr Bewusstsein entwickeln, dass die Zerstörung unserer Umwelt früher oder später uns selbst schadet; wenn einem die Fische, Korallen und Krabben schon egal sind.

970 Liter Urin pro Tag

Habt ihr euch ertappt gefühlt? Gut, so aber mit Augenzwinkern gesagt, so viel pinkelt ein Wal pro Tag ins Meer. Der Unterschied ist, dass der Wal sehr weit von engen Badebuchten entfernt ist, im Gegensatz zu tausenden badewütigen Urlaubern. Pinkeln im Meer richtet aber gemäß Forscher:innen der China Agricultural University zumindest keinen Schaden an. Eine Studie zeigte, dass sich hingegen in Pools Urin durch eine chemische Reaktion mit Chlor zu Desinfektionsnebenprodukten umwandelt, die für den Menschen schädlich sein können. Daher gibt es in Freibädern und Hallenbädern absolut keine Entschuldigung wenn erwachsene Menschen freien Lauf lassen. WCs benutzen und vor dem Baden abduschen!

Auch am Strand ist es nicht viel besser: Pinkelt manN zum Baum am Strand, dann riecht es dort den ganzen Sommer, solange bis starker Regen dorthingelangt und etwas durchspült. Warum sind wir Europäer:innen so vermeintlich fortschrittlich und bauen aber so wenige öffentliche (saubere) WCs? Frau hat es beispielsweise nicht leicht, wenn sie ihre Periode hat, an den Strand zu gehen, weil selten WC-Anlagen frei zugänglich sind. Das kann mitunter zu schlimmen Infektionen führen, oder Frau kann im Urlaub nicht baden – denn bekannterweise taktet sich die unbeliebte Woche immer in den Urlaub. An der Copacabana in Wien zahlen bei öffentlichen WCs übrigens nur Frauen; Männer dürfen gratis aufs Klo. Doch zurück zum Meer:

Was können wir tun?

Ich bin immer für öffentlichen Druck und Aufmerksammachung, also redet darüber und beschwert euch am Strand, bei lokalen Personen, Gastronomen, Touristiker:innen. Postet darüber, erzählt es weiter – so kann öffentliche Politik zur Verantwortung gezogen werden. Hilfreich ist auch immer wenn man die lokale Bevölkerung mit ins Boot holt: will keiner mehr auf ein Schiff, dann fordern Unternehmer:innen Maßnahmen. Wenn wir fordern, dass unser Abwasser besser gereinigt wird und nicht ins Meer gelangt, dann wird unser Geld dafür in die Hand genommen!

Ich will niemandem den Urlaub oder den Schiffsausflug verbieten, aber ich will darauf aufmerksam machen, welche Folgen unsere Touri-Spuren hinterlassen. Eine Möglichkeit wäre vielleicht schon vor dem Betreten des Schiffes sich auf die Toilette zu begeben, dann ist es schon eine Wurst weniger… Menschen mit chronischen Darmerkrankungen sind hiervon ausgenommen (für diese ist ein immer erreichbares WC die Rampe zum Rollstuhl).

Das ist leider kein Witz. (c) Das Tauchen Magazin

Dennoch bin ich kein Freund der riesen-Touri-Boote, nicht nur aufgrund der WC-Problematik, sondern auch wegen der Wale. Erst vor einem Jahr habe ich im ORF dazu einen Beitrag gebracht: Wir haben Wale im Mittelmeer! Und diese werden vom immensen Lärm der Schiffe verdrängt und stoßen auch oft zusammen. Die Folgen einer Kollision eines Pottwales mit einem Schnellboot/Frachtschiff, ist meistens tödlich. Ich habe dazu ein Interview mit Nicolas Entrup geführt, er ist Experte für Wale bei der NGO Ocean Care und hat ein großes Augenmerk auf Wale im Mittelmeer gelegt.

Badequalität

Nachdem heute zusätzlich noch der Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) über die Qualität der Badegewässer in Europa veröffentlicht wurde, hier noch kurz zur Einordnung: Strände gesperrt wegen Bakterien (E. coliand intestinal enterococci) werden selten – davon liest man dann garantiert in der Zeitung, das Meer verunreinigt wird aber dennoch! Ich finde es erschreckend und grausig, auch wenn es für die Badewasserqualität in den meisten Fällen kaum Relevanz hat! Wir schwimmen trotzdem in/mit Fäkalien. Für den Menschen hat es erst gesundheitliche Relevanz, wenn die Bakterienzahl ein gewisses Maß überschreitet – mein Fokus hier ist es Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es einerseits bessere technische Möglichkeiten der (biologischen und chemischen) Klärung gibt und andererseits, dass es teils gravierende Auswirkungen auf die Natur hat.

Insofern: mir ist der Appetit vergangen und die Lust am Baden auch ein wenig. Ich wünsche euch dennoch eine schöne Sommerzeit, schöne Urlaube am Meer und Pool und hoffe, dass ein wenig mehr Bewusstsein für verantwortungsvollen Urlaub und für noch vorhandene Probleme entsteht. Wir können das ändern!

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