Thema: Metoo – Wir (Mädchen) wissen es nicht

Die jüngsten Vorwürfe (z.B. Kyla Shyx) um Rammstein Frontsänger Till Lindemann lösen erneute #metoo Debatten aus. Das Erschreckende ist dabei, dass sich in Kommentarspalten und Co. sofort wieder „victim blaming“ eingeschlichen hat. Das bedeutet, dass man die Schuld an Übergriffen den (potentiellen) Opfern zuschiebt. Unabhängig davon, was an den Vorwürfen stimmt (das werden Gerichte beurteilen), ist in unserer Gesellschaft nach wie vor die Vorstellung tief verankert, dass man an einer Vergewaltigung oder einem ungewollten sexuellen Übergriff hätte etwas ändern können, wenn man sich irgendwie anders verhalten hätte. Auch verbale Belästigung wird als „ach der meint das nicht so“ abgetan.

Es ist derart absurd, dass erwachsene Menschen nicht dazu in der Lage sind Mädchen entsprechend aufzuklären, und Dinge beim Namen zu nennen, aber hinterher besserwisserisch kommentieren im Sinne von „weiß doch jeder, wie das läuft“.

Siehe: Kommentarspalten zu Rammstein Vorwürfen

Nein. Wir wissen es nicht. Es hat uns niemand gesagt.

Nein. Wir wissen es nicht. Man kann nicht einfach „nein“ sagen, wenn man jung ist. Man wurde dazu erzogen höflich, brav und freundlich zu sein. Wenn alte Männer ihre damit verbundene Macht ausnutzen, ist das nicht des Mädchens Fehler, sondern einzig und allein der des Mannes.

Nein. Es ist nicht einfach nein zu sagen. Warum? Weil manche schüchtern sind, unerfahren, naiv oder nicht aufgeklärt. Ich habe gestern zum ersten Mal etwas von einer „Row Zero“ gehört. Aha. Die erste Reihe bei Rock Konzerten ist dafür da, dass sexy Mädchen und junge Frauen dort stehen? Aha? „Das ist so?“ Wirklich? Unhinterfragt? Und wo steht das? Wer sagt einem das?
Bisher dachte ich besonders große Fans stehen dort, die möglichst nahe am Idol sein möchten – aber doch nicht im Bett!

„Dass man bei Meet-and-Greets seine Vorbilder kennenlernen möchte und nicht davon ausgeht, als Verlustierobjekt ausgenutzt zu werden, sollte etwas ganz Normales sein. Dass wir davon anscheinend weit entfernt sind, weil viele denken, dass so etwas wie sexuelle Edginess inklusive Unfreiwilligkeit einfach zum Rockstargehabe dazugehört, zeigt, wo wir stehen. Nämlich immer noch an der komplett falschen Stelle.“

Soziologin Nadia Shehadeh

Nein. Wir wissen es nicht. Keiner sagt uns, dass lächeln für gewisse Männer eine „Einladung“ ist. Was macht man, wenn man verlegen ist, einem etwas peinlich ist und man nicht weiß wie man aus einer Situation raus kann? Richtig: nervös kichern, rot anlaufen, lächeln und versuchen wegzugehen. Das Lächeln wird dann aber als „oh dein Gehabe imponiert mir, ich mag dich du 80-Jähriger!“ interpretiert. Letztere Denkweise ist gesellschaftlich anerkannter, als unsexuell Banane/Lutscher essen, kichern, lächeln.

Nein. Wir wissen es nicht. Ich kenne keine junge Frau (mit der ich über das Thema bereits gesprochen habe), der in ihrem bisherigen Leben keine Übergriffe/Belästigung passiert sind.

Nein. Wir wissen es nicht. In der Schule lernt man nicht, wie man sich gegenüber aufdringlichen Männern verhalten soll, in der Schule sind selbst einige Lehrer übergriffig. Aber tendenziell nur in der Unterstufe… Wir wurden dafür gemaßregelt, als wir uns gegenüber dem einen Lehrer mit 13 Jahren aufbegehrten. Wir haben nie wieder etwas gesagt.

Nein. Wir wissen es nicht. Man lernt als Kind, dass man in keinen weißen Transporter einsteigen soll und keine Süßigkeiten annehmen, aber was „normal“ ist oder für manche „halt immer schon so war“, darüber spricht später niemand. Was im „Showbizz“ normal ist, was sich in Heimen abspielt, in der Kirche, in gynäkologischen Abteilungen, während Geburten, in Schulen, beim Kellnern, ja WAS ZUM !!!

Übergriffe beginnen nicht bei Vergewaltigung

Ich bin bald 30. Allmählich weiß ich so Manches. Und allmählich bin ich auch nicht mehr höflich zu Männern, die mich ungewollt (sexuell) anreden, angreifen oder auf der Straße catcallen (z.B. nachpfeifen, nachhupen etc.). Vor einem Jahr habe ich das erste Mal „live“ ein Erlebnis aus dem Freibad auf Instagram gepostet. Ich war bis dato noch nie alleine baden, ohne von einem Mann unangenehm beobachtet oder angesprochen worden zu sein (oder wesentlich Schlimmeres). Ich bin aber trotz meines Selbstbewusstseins komplett perplex und sprachlos und maximal kichernd, wenn ein Firmenmitarbeiter, meinen Kollegen fragt, wo man denn „so etwas wie mich buchen könnte“.

Er sah mich von oben bis unten an und fragte dann meinen Kollegen: „Wo kann man denn so etwas buchen?“ Ich war Praktikantin.

Und wir beide sprachlos. Es gibt ja immer noch ein paar verletzte Männerseelen, die darüber klagen, dass „Mann ja heute gar nichts mehr sagen/tun darf“. Ich denke, dass man aber denkend durchaus in der Lage ist etwas derart Unangebrachtes von ein bisschen überforderter Hilflosigkeit im Umgang mit dem anderen Geschlecht unterscheiden kann.
Umgekehrt allerdings, gibt es noch viel mehr verletzte Mädchenseelen, die Traumata aufarbeiten müssen, Übergriffe erlebt haben und davon Schaden genommen haben und bis ins Erwachsenenalter hinein nicht wissen, wie sie Grenzen gegenüber Belästigung setzen sollen und Dinge über sich ergehen lassen, weil „das halt so ist“. Viele empfinden es immer noch als Kavaliersdelikt wenn sie „die jungen hübschen Dinger“ in genau dieser Tonart ansprechen. Nun ja, unterscheide mal zwischen harmlosem, netten, alten Mann und potentiell gefährlichem Täter, wenn du ein Mädchen/junge Frau bist und deine Vorstellungswelt die Bösartigkeit Mancher nicht einmal kennt.

Erwachsen werden heißt also unfreundlich werden liebe Mädchen, bzw. heute würde ich sagen, wissen, wo man eine Grenze setzt (setzen darf)!

(c) Pro Juventute

Die Soziologin Nadia Shehadeh erklärte das im Standard auf die Frage, ob es nicht leichtsinnig sei, sich an Drogenpartys mit Rockstars zu beteiligen, so: „Nein. Zumal ja gerade dann, wenn, wie im Fall Lindemann, ständig an der Legende gebastelt wird, der Musiker sei eigentlich ganz sanftmütig und ein Gentleman.“

Ich bin davon überzeugt, dass Grenzen auch falsch erlernt werden, nachdem wir in der Gesellschaft kaum über sexuelle Handlungen und deren Grenzen sprechen, im Internet aber alle möglichen (Gewalt-) Pornos von klein auf sehen können. Das im echten Leben dann auseinander halten zu können, funktioniert nicht ohne entsprechende Aufklärung und Bildung. Anders ausgedrückt:

Wachse mit der vermeintlichen Normalität von Bondage-Pornos auf und trau dich dann „Nein!“ sagen, wenn dir jemand auf den Hintern greift.

Ich glaube viele Menschen wissen nicht einmal, wovon heutzutage eigentlich die Rede ist.

Warum sprechen viele erst so spät?

  1. es dauert einige Jahre bis Minderjährige erwachsen werden und reflektieren, was akzeptabel ist und was nicht. Je früher die Übergriffe, desto länger das Schweigen.
  2. DU bist mitschuld, wenn du Opfer beschuldigst… Unabhängig von Kleidung, Ort, Alkohol oder sonstigem, hat niemand das Recht ungewollte sexuelle Handlungen zu vollziehen.
  3. KO-Tropfen und Drogen. Ja, als ich ein Kind war war das noch kein Thema, als ich älter wurde bereits im Getränk Vieler.
  4. Beweiserbringung. Wenn die Opfer-Täter Umkehr weiterhin dazu führt, dass selbst Vergewaltigungen defakto aussichtslos vor Gericht sind, weil man das Sperma am selben Abend noch im Krankenhaus nachweisen muss; uff. Das weiß ich übrigens von einer Vorlesungsreihe über Gewalt gegen Frauen, von der Professorin für Gerichtsmedizin des AKH Wien. Es gibt Empfehlungen darüber, welche Sachen zur Beweiserbringung man zu Hause haben sollte und dass man sich ja nicht waschen solle.
  5. Die Angst, wie das Gegenüber reagiert, ist etwas, das man nicht unterschätzen darf. Wie oft passieren Frauenmorde aufgrund verletzter Männerseelen? Niederschwelliger ist das eine Verfolgung, ein Zunahekommen, Schreien, Kündigung, schlechte Schulnote….
  6. Die Machtposition: in den allermeisten Übergriffigkeiten ist Frau in irgendeiner Weise unterlegen; sei es durch Alter, Position, Erpressung, Gewaltandrohung.

Es gehört endlich ein Umdenken her und zwar abseits der sich emanzipierenden, jungen Frauen, die sich mit #metoo solidarisiert und endlich zu sprechen begonnen haben. Junge Menschen müssen ausreichend aufgeklärt werden, das betrifft Mädchen und Burschen! Wir leben in einer sexuell sich verrohrenden Gesellschaft – man kann hier nicht weiterhin auf „alter Charmeur“ spielen, hier gehören Probleme erkannt und dann bearbeitet. In Schulen, zu Hause, unter Freund:innen, überall – redet endlich mit jungen Menschen darüber, was heute (noch immer) als „normal“ gilt, aber unangebracht ist, denn :

Wir wissen es nicht.

3 Comments on “Thema: Metoo – Wir (Mädchen) wissen es nicht

  1. Finde ich super, dass du darüber aufklärst! Es ist ein Tabu-Thema und keiner will etwas davon wissen. Zum Glück kommt es jetzt ans Licht! ❤

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