Statt neuer Weltordnung, give peace a chance!

Kommentar

John Lennon und Yoko Ono besangen den Frieden und ich möchte gerne um eine neue Version bitten. Denn nicht nur „eine Chance“, sondern die einzige Chance für die Menschlichkeit, stellt Frieden in meinen Augen dar. Vielleicht wird jetzt manchen klar, warum ich mich am Begriff „Freedom-Day“ (Freiheitstag) für die Lockerung von diversen Corona Maßnahmen gestoßen habe. Wir hatten nie Krieg, waren nicht unterdrückt; auch wenn das manche teilweise so empfunden haben. Man muss die Dinge ohne Übertreibungen benennen, sonst gehen einem irgendwann die Vokabeln aus.

Ich bin so entsetzt von den Ereignissen der letzten Tage, dass ich mich bisher nicht geäußert habe. Nein, ich bin keine Russland-Expertin (diese Rolle hat Ivan Krastev) und werde daher keine Statements zu russischer Kriegstaktik, Putins Vorlieben oder den innerstaatlichen Demokratiedefiziten stellen. Was ich aber sehr wohl äußern möchte sind ein paar Beobachtungen, die mir in meiner Arbeit auffallen. Ich forsche seit Beginn meiner Studien-Jahre zu Nationalismus und dem Missbrauch von ebendiesem. Sowohl in der Politikwissenschaft, als auch in Neogräzistik lese und arbeite ich schon lange zu den Auswirkungen, wenn man die Bestrebungen der „Nation“ über die anderer „Nationen“ stellt.

Nationenbildung

Wie kommt es zur Nationenbildung, war sie immer schon da oder entwickelt sie sich erst durch verschiedene Gründe? In Griechenland erforsche ich hierbei die Auswirkungen von Volkstänzen auf die nationale Identität. Ein bisschen ist das wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei, was war zuerst da? Eine Gruppe, die sich „anders“ fühlt, sei es durch Sprache, Gewohnheiten, Religion oder eine Politik, die versucht hat Menschen zu (ver)einen, indem eben Maßnahmen eingeführt wurden, welche ein Zusammengehörigkeitsgefühl bestärken. Schulen zu Bildungszwecken, aber auch um Geschichtsunterricht einzuführen, der „politisch gerade passt“, eine National-Sprache, die lokale Dialekte vereinheitlichen soll und kulturelle Besonderheiten, die so oder so ähnlich nur in dieser Region existieren. Oft wurde Nationalismus benutzt, um bestimmte Zwecke zu erfüllen und meistens ist das die Errichtung eines Nationalstaates, wie wir ihn heute kennen.

In Griechenland wurde die Grenzziehung oft verschoben, wer alles von der heutigen politischen Bühne hatte nicht seine Finger drin, im Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts? Einmal war „die Insel“ venetianisch, dann wieder französisch oder doch britisch, aber eigentlich doch immer schon griechisch? Nur dass die Bewohner:innen sich eigentlich als „die Insulaner“ fühlten und schon irgendwie „anders“ als die Nachbarinsel waren. Wo und wie funktioniert Nationalismus und wer sagt, dass das schlecht sein muss? Niemand, außer die Ergebnisse, die uns die Geschichte lehren, sobald Nationalismus missbraucht wird.

Freie Welt statt neuer Ordnung

Wir hatten in Europa nationalstaatliche Grenzen bereits begonnen zu überwinden (Stichwort: Schengen-Raum). Wie kann es sein, dass ein bisschen weiter östlich ein politischer Machthaber mit einer Rhetorik und einem Geschichtsverständnis von vor über hundert Jahren uns allen den Frieden und die globalen Errungenschaften streitig machen möchte? Ein Großrussland zu erkämpfen, das sei der Plan; und eine neue Weltordnung. Das geographisch größte Land der Erde hat wohl Platzangst, aber nein es geht um die Machtdemonstration und den Landgewinn, wie schon so manch anderer Diktator es versucht hatte mit Gewalt umzusetzen.

„Nationale“ Kriege wurden häufig unter dem Vorwand geführt, man möge eine bestimmte Volksgruppe von Unterdrückern „befreien“, manchmal stimmte das auch, aber ganz häufig eben nicht. Häufig sind in einer bestimmten Region Menschen unterschiedlicher Sub-Gruppen anzutreffen und da gestaltet sich die Grenzziehung eben als schwierig.

Wenn wir aber überall dahin zurück möchten, wo einmal ein „Großreich“ war, dann müssten wir alle mit jedem Krieg führen. Immerhin hatte das Habsburgerreich einen wunderbaren Meereszugang; gehört also immer schon uns, und blöderweise überschneiden sich das potentielle Groß-Serbien und Groß-Bulgarien mit den Grenzen vom Osmanischem Reich, also defacto könnte man sagen Groß-Türkei oder nein, doch eigentlich Groß-Griechenland, weil die waren ja noch früher da, sagt zumindest Sokrates. Was Sultan Süleymann dazu zu äußern hätte? Und wie steht es eigentlich um den Papst, wir könnten auch ein katholisches Großreich schaffen, dann gehört uns fast die ganze Welt, weil wir waren ja immer- oh ups Kolonialismus. Gehört also alles den Ureinwohnern? Stimmt, die haben sich ja auch gegenseitig bekämpft, wohl um den besseren Boden für Getreideanbau zu erringen. Vielleicht sollten wir uns also alle ein Feigenblatt umbinden und mit Pfeilgiftfrosch-Pfeilen zurück zu archaischen „echten“- ur-Formen rückkehren. Lagerfeuer-Romantik statt Globalisierung und Fortschritt!

In der Logik eines Putins: Kaiserin Sissi hatte einen Palast auf Korfu, weil sie den Süden liebte. Ich heißte auch Elisabeth und mag Griechenland, also habe ich geschichtlichen Anspruch darauf und mir gehört jetzt die Insel.

Zurück vom Gedankenexperiment ins Hier und Jetzt: es ist wirklich witzlos, dass ein heutiger Staatsmann mit solchen Methoden versucht seine eigene Macht zu sichern, Menschen zu beugen und zu unterwerfen (sei es auf ukrainischer oder russischer Seite) und sich international zu „behaupten“. Vieles ist bestimmt Signalwirkung in Richtung Westen, vieles aber auch purer Wahnsinn. Wirtschaftlich, geopolitisch und kriegstaktisch war die Krim immer schon ein wichtiger Knotenpunkt (ebenso die Dardanellen, wie man auch jetzt wieder sehen kann), dennoch treibt Putin sein eigenes Land nun durch die Sanktionen wirtschaftlich in den Ruin. Logik? Fehlanzeige. Unberechenbarer Wahnsinn!

Wir hatten das alles schon: im zweiten Weltkrieg wurde auch versucht ein pseudo-Großreich zu erstellen. Legitimiert wurde das mit Propaganda und Falschinformationen. Die Machtfantasien von einem Menschen führen zum Leid Vieler. Wieso wiederholt sich so Vieles aus der Geschichte? Unabhängige Medien werden ausgeschaltet, freie Meinungsäußerung verboten und drastische Strafen bei „Verstoß“ eingeführt.

Fehler im Westen

Viele Warnsignale hat es gegeben und nun hat eine der rechtspopulistischen Demokraturen zugeschlagen. „Der Westen“ ist in dieser Sache absolut nicht einheitlich, selbst innerhalb der EU Grenzen haben wir politische Machthaber, die ähnlich agieren. Deshalb sind straffe Reaktionen seitens der EU-Kommission auch so wichtig: Verletzung der Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und die Unabhängigkeit der Medien sollten unangetastet bleiben (ich blicke Richtung Ungarn und Polen…).

Auch Erdogan „vor unserer Tür“ wird unterschätzt. Ich persönlich hatte – vermutlich durch meine Arbeit gebiased – angenommen die erste kriegerische Handlung auf europäischem Boden würde in Griechenland stattfinden. Zwischen einer humanitären Katastrophe an Flüchtlingen zweiter Klasse und einem historisch mindestens so explosiven Hintergrund wie an Russlands Grenzen, haben die Türkei und Griechenland (und somit die EU) vieles gemeinsam. Man darf Rechtspopulismus und den Missbrauch nationalistischer Rhetorik nicht unterschätzen und muss niederschwellig von Anfang an solche Argumente unterbinden, nicht erst an der Front.

In diesem Sinne: give peace a chance, er ist die einzige, die wir haben.

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