Worum geht es in meiner Lehrveranstaltung?

Im kompliziert klingenden Seminar „Inklusive Zugänge zum Fachunterricht – Individuelle Studierendenunterstützung (ISU)“ versteckt sich eine Bandbreite an spannenden Themen. Angehende Lehrer:innen für inklusive Pädagogik lernen hier einen neuen Blick auf mögliche Unterstützungsfelder in der Praxis. Im Seminar erhalten Studierende Einblicke in die inklusionsspezifischen Bedarfe von Studierenden mit Beeinträchtigung und einen Überblick über Barrierefreiheit an Hochschulen. Im Zuge der LV bieten Selbsterfahrungen und intensive Reflexion die Möglichkeit neue Einblicke in die Welt von Menschen mit Behinderungen zu erhalten und erweitern zudem den beruflichen Fokus vom Sektor Schule auch auf universitäre Ebene. Die begleitete Praxis im Folgesemester beinhaltet eine individuelle Unterstützung für Studierende mit Behinderung an der Universität Wien. Durch die neu erworbenen Kompetenzen sind auch Berufsfelder im Disability Beratungssektor, der Erwachsenenbildung oder Inklusionsexpert:innen, abseits der Inklusionspädagogik denkbar.

Was heißt Inklusion?

Inklusion bedeutet, dass Menschen dazugehören, egal ob diese einer Minderheit angehören, einen speziellen Kleidungsstil haben, eine andere Sprache sprechen oder eben eine Behinderung haben. Studierende, die das Lehramt „Inklusive Pädagogik“ wählen, werden darin geschult den Unterricht inklusiv zu gestalten. In diesem Kontext bezieht man das auf Kinder mit einer Behinderung, Lernschwierigkeit oder sonstigen gesundheitlichen Einschränkungen. Inklusionspädagog:innen wurden früher „Heil- und Sonderpädagog:innen“ genannt. Nachdem aber die Tätigkeit von Inklusionslehrer:innen keine „heilenden“ oder medizinisch- therapeutischen Maßnahmen beinhalten, ist dieser Begriff überholt.

Vom Begriff „Sonderpädagogik“ möchten sich besonders Inklusionsverfechter trennen, denn sie finden an Behinderungen nichts „sonderbares“. Die Sonderschulen und Sonderklassen werden demnach nach und nach abgeschafft und Inklusionsklassen geschaffen. Andere wiederum finden eigene Schulen bei manchen Behinderungen sinnvoll. So sind Schulen für gehörlose Kinder komplett zweisprachig gestaltet und die Kinder sind dort „alle gleich“, während sie in Inklusionsklassen dennoch häufig als die „speziellen“ Kinder gesehen werden. Das Ziel von Inklusionspädagog:innen ist es, Schulklassen inklusiv zu gestalten. Die jeweilige Lehrkraft wird dabei von den eigens geschulten PädagogInnen unterstützt, wenn Bedarf besteht. Sie unterrichten dann gemeinsam, wobei zweitere sich besonders um die Unterstützung von Kindern mit Beeinträchtigung kümmern.

Meine Rolle in der Lehrveranstaltung

Diese Lehramts-Studierenden müssen Praxisstunden absolvieren. Üblicherweise geschieht dies an Schulen. Das Projekt ISU (Individuelle Studienunterstützung) hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Praxisfeld auszuweiten. Einerseits brauchen Studierende mit Behinderung an der Universität Unterstützung. Viele bekommen keine sogenannte „Persönliche Assistenz“ oder haben einen erhöhten Unterstützungsbedarf. Andererseits lernen Lehramtsstudierende welche Unterstützungsleistungen es an der Universität Wien geben kann.

Nachdem ich vier Jahre lang im Team Barrierefrei Beratung zum barrierefreien Studieren und Lehren gemacht habe und die Informationswebsites für die Universität erstellt habe, wurde ich damit beauftragt in der Lehrveranstaltung dieses Wissen weiter zu geben und den Studierenden neue Handlungsfelder für Inklusionspädagogik zu eröffnen.

Studierendenperspektive umgekehrt.

Inhalte meiner LV

Einerseits stelle ich die Arbeit des Team Barrierefrei und die Aufgaben des Teams vor. Die Mitarbeiter:innen und die Rolle der Individuellen Studiernunterstützer:innen wird erklärt. Außerdem sind Zahlen und Fakten, sowie die rechtliche Lage von Studierenden mit Behinderung am Programm. Immerhin muss man wissen, worüber man redet. Wie viele Studierende mit Behinderung gibt es? Was zählt alles zu Behinderungen/Beeinträchtigungen? Wo sind die Unterschiede zwischen Hochschule und Schule? Ein großer inhaltlicher Teil dabei ist das Recht auf abweichende Prüfungsmethoden.

Ab November werden dann begriffliche Feinheiten, Menschenbilder, Haltungen und Sprache diskutiert. Wie definiert man Behinderung? Was bedeutet Barrierefreiheit? Eines kann ich schon verraten, es ist mehr als die Rollstuhlrampe!

Karikaturen von Phil Hubbe

Dann werden wir die Unterschiede von persönlicher Assistenz, Betreuung, Unterricht(ung), Service Learning, Peer-Konzepte und Therapie kennen lernen. Die ISUs (also die Unterstützer:innen) sind nämlich keine persönlichen Assistentinnen oder Mentor:innen. Ein wichtiger Fokus dieser Einheit wird dann auch die eigenen Stärken kennen zu lernen. Schließlich sollen im nächsten Semester Studierende mit Behinderung unterstützt werden. Das hat aber nur Sinn, wenn die beiden Personen richtig gemached (zusammengeführt) werden. Die Lehramtsstudierenden müssen also genau wissen, wo ihre Kompetenzen und Stärken liegen und was sie vielleicht nicht so gut können. Es wäre nämlich echt schade, wenn eine Studierende Unterstützung bei der Organisation des Semesters und der Termineinhaltung braucht und die ISU-Person ist ziemlich chaotisch und macht Dinge lieber spontan. Oder eine ISU-Person kann Gebärdensprache und gibt das nicht bekannt, wobei ein gehörloser Student dadurch noch bessere Unterstützung erhalten könnte.

Schließlich wird es auch um Kommunikation und Datenschutz gehen. Es ist wichtig zu wissen, was nach außen kommuniziert werden kann und was man in der Bim, wo viele Studierende mitfahren, besser nicht lautstark erzählt. Ich finde es auch wichtig zu reflektieren, wie man sich selbst in der Praxis wahrnimmt- also wie sich die ISUs selbst sehen.

Interessierte können jedes Semester mit einem euen Zyklus Praxisseminar und im Folgesemester Praxisstunden starten.

Ende November und Anfang Dezember gibt es dann Einheiten zur berühmten „Selbsterfahrung“. So ein „Bewusstseinstag“ steht auch vielfach in der Kritik, wofür wir eine ganze Einheit nutzen werden. Jedenfalls sollen die ISUs in die Rolle verschiedener Personen mit Beeinträchtigung schlüpfen und versuchen damit den Alltag zu meistern. Auch wird eine Einheit an der Universität Wien stattfinden und soll vor allem zeigen, wie kompliziert und organisationsintensiv Barrierefreiheit sein kann. Wenn man das klassische Lift- Beispiel hernimmt: eine Aufgabe wird es sein zur Universitätsbibliothek mit einem Lift zu kommen, wobei der „barrierefreie Zugang“ zum rechten Seitentrakt des Hauptgebäudes einen defekten Lift vorweist (beruht auf wahren Begebenheiten). Wo ist eine andere Möglichkeit rollstuhlgerecht in die Bibliothek zu kommen?

Im Jänner werden dann die ISUs mit den zu Unterstützenden gemachted. In diesen beiden Treffen sollen sich die Paare kennen lernen und austauschen. Die Praxis findet dann im Sommersemester statt.

Die Abschlusseinheit beinhaltet dann einen Diskurs zu verschiedenen Beeinträchtigungsformen und wie sich diese im Studium auswirken können. Das soll helfen sich konkreter vorstellen zu können, was einen in der Praxis erwarten kann und wie man am besten unterstützt.

Inklusive Lissi

Das Seminar gibt es inklusive Lissi (hoho) und ich muss sagen, es macht unheimlich viel Spaß. Sowohl, dass sich die Studierenden sehr darüber freuen, endlich wieder in Präsenz vor Ort sein zu dürfen, als auch, dass ich je nach Bedarf flexibel auch auf Online Lehre umstelle. Ich möchte nämlich eine inklusive Lehrende sein, und da sehe ich 100% Anwesenheitspflicht als einen Widerspruch. Deshalb habe ich die zweite Einheit spontan auch gestreamed. Wo ist das Problem? Maximal beim Wollen, aber nicht bei mir.

Schnell gestreamed und hybride Lehre gemacht- Inklusion live.

Irgendwie cool, wenn man das, was man jahrelang auf die Universitäts-Websites geschrieben hat, dann selber machen kann. Mir taugt’s! 🙂

Weiterführende Informationen

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