Feminismus im 21. Jahrhundert

Im vorigen Artikel habe ich die Workshopinhalte zum Thema Emanzipation beschrieben. Dieser Artikel widmet sich dem Feminismus und warum es auch heute noch wichtig ist sich für andere Menschen einzusetzen. Personen, die sich für Gleichstellung engagieren werden heute als „Feminist*innen“ bezeichnet. Feministische Strömungen gibt es viele, man kann daher nicht mehr verallgemeinernd sagen, wofür sich jemand einsetzt. Es gibt Strömungen, die der Meinung sind, dass es naturgegebene Unterschiede gibt (z.B. durch das Mutter-Sein eine andere Moral im Gynozentrischen Feminismus, oder durch die angeborene Verschiedenheit der Geschlechter beim Differenzfeminismus). Der Individualfeminismus strebt die Gleichberechtigung der Geschlechter an, während der dekonstruktivistische Feminismus meint, es gäbe keine Geschlechter. Sowohl das biologische (englisch „sex“), als auch das soziale Geschlecht (englisch „gender“) sei „antrainiert“ und von der Gesellschaft „konstruiert“. Genauso extrem, wie Antifeministen sind, die meinen es gäbe eine naturgegebene (und somit rechtmäßige) Unterlegenheit der Frau, sind manche Aspekte des spirituellen Feminismus, wo eine „Große Göttin“ verehrt wird und teilweise auch Verbindungen zu den Hexenverbrennungen („letzte Anhängerinnen der Großen Göttin“) geschaffen werden.

Feminismus geht uns alle etwas an

Schnell wird eine Feministin, als „radikale Emanze“ in ein sehr negatives Licht gerückt. Warum? Sobald man sich für andere einsetzt, erfährt man ganz automatisch Kritik. Manchen bin ich zu „liberal“ (weil ich viele Entwicklungen im Genderbereich hinterfrage) und wieder anderen „zu extrem“ (weil ich als Frau überhaupt irgendetwas tue oder weil ich mich für weniger priveligierte Gruppen einsetze).„Gleichberechtigung gibt es schon, das brauchen wir nicht mehr“ oder „auch anderen Gruppierungen geht es schlecht“. Ich habe bisher leider wenige konstruktive Beiträge von „Kritiker*innen“ feministischer Bestrebungen gefunden. Selbst fühle ich mich keiner der oben genannten theoretischen Einordnungen „zugehörig“. Ich setze mich für Frauen und Mädchen ein, die geschlagen, sexuell missbraucht oder zwangsverheiratet werden, oder denen Bildungschancen verwehrt werden. Nein, deshalb hasse ich Männer nicht und ja leider gibt es diese Missstände auch in Mitteleuropa. Mir ist die Haut- und Haarfarbe dabei egal und wenn ein Mann mir erzählt, dass ihm Schlimmes widerfahren ist, tut mir das genauso leid, wie bei einer Frau.

Außerdem finde ich es wichtig den gesellschaftlichen Diskurs zu fördern und darauf aufmerksam zu machen, wo es noch andere Problemfelder gibt. Das heißt nicht, dass ich eine alte verbitterte Schachtel bin, die sich von allen Männern schlecht behandelt fühlt. Wer aber behauptet, dass feministische Bemühungen heutzutage nicht mehr notwendig sind, verkennt dabei ziemlich die Realität. Es gibt wenige Frauen, die einfach so wie ich studieren gehen können, Workshops halten und generell tun und lassen können, was sie wollen. In der heutigen Gesellschaft in Mitteleuropa muss sich der Großteil der Frauen nicht mehr die Erlaubnis des Ehemannes zur Erwerbsarbeit holen, auch darf sie wählen und ist generell dem Mann gleichgestellt. Aber: sexuelle Belästigung, Zwangsehen (rund 200 pro Jahr in Österreich) und Gewalt gegen Frauen (jede fünfte Frau erlebt körperliche Gewalt in Österreich) sind auch in Mitteleuropa keine Seltenheit. Man kann nicht so tun, als wären Bemühungen für ein besseres Zusammenleben nicht mehr notwendig. Auch ist es nicht normal, dass jede Frau mit der ich spreche, inklusive mir, selbst Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder Sexismus gemacht hat. Dagegen kann man noch sehr viel tun und dennoch bedeutet das nicht, dass alle Männer „naturgegeben böse“ sind. Außerdem betreffen viele dieser Probleme genauso auch Männer.

Wo sind die Männer?

Natürlich sind nicht alle Männer Gegner von feministischen Bewegungen. Von diesen würde ich gerne mehr wissen und hören! Man hört nämlich meist nur die, die sich Frauen gegenüber aufführen wie Steinzeitmenschen. Wo sind die Männer, die in einer Gesprächsrunde einen Kumpel dazu aufrufen, seine „blöden Aussagen“ mal ein wenig „zurückzuschalten“, wo sind jene Jungs, die beobachten, dass eine Frau angegrapscht wird und dazwischen treten? Es braucht mehr Austausch und mehr Diskurs zwischen Männlein und Weiblein. DAS sollte normal werden.

Es bringt wenig, wenn Männer vom Thema Feminismus abgeschreckt sind und Frauen sich von jedem Wesen mit erhöhtem Testosteron persönlich beleidigt fühlen.

Wie kann man da eine bessere Basis schaffen? Was stört Männer am Gespräch über Feminismus, wäre es nicht sinnvoll hier männliche Perspektiven zum Austausch anzubringen? Gegenseitiges Verständnis und Abbau von Vorurteilen funktioniert nur im Diskurs und nicht indem eine Gruppe über die andere schimpft.

Wenn Männer zu einem „Objekt“ gemacht werden, Körpergröße offenbar für viele das einzig zu erreichende Ziel beim Mann ist, Muskeln, Status und andere Oberflächlichkeiten auftreten, ist das genauso nicht in Ordnung, wie wenn Frauen auf die Oberweite und das „liebe Lächeln“ reduziert werden. Können wir nicht gemeinsam versuchen diese Dinge zu verbessern?

Es ist ja auch nicht so, dass jede Feministin sich ein Binnen-I zum Einschlafen wünscht, unbedingt Präsidentin werden will oder sich in der Arbeit diskriminiert fühlt. Warum schafft es die Gesellschaft so wendig darüber zu reden? Es gibt unterschiedliche Beweggründe und Interessen zum Engagement.

Bitte, wie?!

Hier kommen ein paar (harmlose) Beispiele aus meinem Leben, warum ich denke, dass man an der Gleichstellung schon noch ein bisschen arbeiten kann und Austausch auch bei uns in Mitteleuropa nicht schadet 😉

Wie kommt es dazu, dass mich Männer damit konfrontieren, dass ich „wohl meinen eigenen Kopf hätte“, weil ich mich politisch äußere, wenn das nicht immer noch als etwas „Außergewöhnliches“ ist? Ja, mein Kopf sitzt auf meinem Hals und ist zum Denken bemächtigt und wird nicht wie bei Olympe De Gouges abgehackt, ist doch gut so?! Nein, ich brauche keinen Mann, der „mir mal -so richtig- zeigt wo es lang geht“ oder mir „beweist, dass ich gar nicht so selbstbewusst bin, wie ich tue“. -Originalzitate, wohlgemerkt. Von jungen, gebildeten Zeitgenossen. Ähnliches gibt’s im Bullshit-Bingo.

Frau mit eigenem Kopf spricht.

Wieso fühlen sich immer noch manche Männer eingeschüchtert, wenn eine Frau auch Karriere machen will und finden sexstische Aussagen „lustig“? Und wieso ist es gesellschaftlich noch immer zu hinterfragen, ob eine Frau abtreibt, sich für oder gegen Kinder entscheidet, heiraten möchte oder nicht?

So lange das nicht gleich ist, ist man nicht gleichgestellt.

Weshalb sagt mir ein junger Mann aus Wien, dass er „das mit dem #metoo“ blöd findet und „nur weil es jetzt halt im Trend ist“ man sich nicht dafür interessieren bräuchte? Seit wann ist sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung ein Trend? Mir wird schlecht, wenn ich so etwas höre. Und auch wenn ich mich selbst selten (!! nicht nie) belästigt fühle/wurde, kann ich mich doch für jene stark machen, die das selbst nicht schaffen! Auch bei Beeinträchtigten oder anderen marginalisierten Gruppen finde ich das wichtig und für diese setze ich mich genauso ein. Oder glauben diese „Feminismusgegner“, dass sich eine Frau, die zu Hause geschlagen und missbraucht wird, plötzlich zu ihrem Peiniger gehen kann und sagen „oh es gibt aber Gleichberechtigung“ und der Täter wird dann sagen „asooo ok, mach ich nicht mehr“?

Ich denke, es gibt noch einiges an Arbeit zu tun. Die Stellung der Frau weltweit, ist bei Weitem nicht der des Mannes gleichgestellt. Die Stellung der Frau in Österreich ist – je nach persönlicher Situation besser oder schlechter. Man muss bei uns heute nicht mehr für sein Wahlrecht kämpfen, aber es ist definitiv nicht so, als gäbe es in unseren Reihen keine Probleme.

Nicht jede Frau wird bei uns benachteiligt, nicht jede Frau wird sexuell belästigt, nicht jede Frau wird geschlagen. Aber es gibt immer noch genügend und solange dieser Missstand nicht behoben ist, solange wird sich „mein eigener Kopf“ dafür einsetzen, dass sich jede*r freiwillig entscheiden kann, was sie*er mit dem eigenen Leben anfängt.

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