Ich bin „Bachelor of Beeinträchtigung“

Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich am Beginn des Studiums überhaupt nicht ausgekannt habe. U:dings, u:vorlesungs-zeichen, prüfungsimma-irgendwas und tausend verschiedene Begriffe.

Studieren ist mit und ohne Beeinträchtigung kein Zuckerschlecken. Viele glauben, dass man mit einer Beeinträchtigung nicht studieren kann oder darf. Das stimmt allerdings nicht. Gesetzlich gesehen, darf man mit allem studieren, was die Krankheitswelt so bereit stellt- ob man es schafft ist aber die Frage!

Beeinträchtigung heißt in diesem Sinne nicht automatisch, dass man einen Rollstuhl nutzt, auch wenn das von vielen oft mit dem Begriff Beeinträchtigung gleichgesetzt wird.

Frau hält Abschlussmappe in der Hand.
So sehen Studierende mit Beeinträchtigung (auch) aus.

Beeinträchtigung bedeutet, dass man in irgendeiner Form im Studium aus gesundheitlichen Gründen nicht gleich studieren kann, wie die sogenannten „gesunden“ Student*innen.

Das kann z.B. eine Lese-Rechtschreibschwäche, eine Hörbeeinträchtigung, psychische oder chronische Erkrankung sein.

Nach einem Jahr im Studium begann dann meine chronische Autoimmunkrankheit. Seither bin ich mit immunsystemschwächenden Medikamenten in Therapie (ja genau die immunschwachen Menschen, von denen wir während Corona ständig sprechen…) , ständig müde und werde sehr leicht krank. Ungefähr ein Jahr später kamen zu den Nebenwirkungen, den Schmerzen und vielen Begleitsymptomen noch weitere chronische Krankheiten hinzu. Irgendwann hatte ich nicht mehr nur Schmerzen, sondern kämpfte auch mit den Auswirkungen der körperlichen Einschränkungen: Isolation, ständiges sich-selbst-neu-Erfinden, Termine wurden gestrichen, Freundschaften litten, Hobbys wurden beendet, Partys abgesagt. Sicher nicht das Studienleben, das ich mir gewünscht hatte!

Junge Frau liegt am Boden mit Verbänden an den Gliedmaßen.
Manchmal war ich echt am Boden.
Das war nach der letzten Prüfung im Bachelor Politikwissenschaft.

Mir hat im Studium vor allem die Anwesenheit ein Problem bereitet- und das tut sie auch jetzt noch. Durch meine Erkrankung bin ich phasenweise wie „weg“ (ich liege dann krank im Bett, habe Operationen oder Termine bei Ärzt*innen). Manche Kolleg*innen dachten, ich wäre auf Erasmus gewesen…. Sobald ich körperlich wieder halbwegs fit war, ging es an das Nachlernen, Aufholen, Nachreichen von Arbeiten usw. Im letzten Sommersemester war ich schon nach drei Wochen so krank, dass ich Versäumtes bis Mitte September aufarbeitete. Meine Sommerferien beschränkten sich demnach auf ein paar Tage.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass mich das Thema „Exkursion“ gedanklich zum Schwitzen gebracht hat. Wie sollte ich einen Museumsbesuch schaffen und auf antiken Statuen herumklettern, wenn ich es teilweise nicht einmal zur Bim-Station schaffe? Die langen Wege zur Universität, die endlosen Gänge, das Stehen vor dem Hörsaal, im schlimmsten Fall IM Hörsaal… Schmerzen und Erschöpfung schon bevor die Lehrveranstaltung anfing. Taschen schleppen, Mitschreiben, Konzentrieren, verkühlte Studienkolleg*innen, die mich anhusteten… oder die viel zu kalte Klimaanlage, erneut verkühlen und krank werden, und dann?!

Arm und Beine in Bandagen, liegend.
Erasmus oder Exkursion am Balkon?
Junge Frau mit Blumen und Karten mit Genesungswünschen
Blumen statt Vortrag.

Zum Glück jedoch habe ich irgendwie vom Team Barrierefrei gehört und wurde dort informiert, wie ich mein Recht zur Adaption von Prüfungen umsetzen kann. „Abweichende Prüfungsmethoden“ heißt also der Schlüssel zum Erfolg oder doch Motivation und Disziplin? Die Antwort war: beides! Die Prüfungsadaptionen halfen mir die Dinge zu bewältigen, die ich durch die Krankheit nicht umsetzen konnte, wie beispielsweise handschriftliches Schreiben. Ich habe bei schriftlichen Prüfungen meistens einen Laptop zum Verfassen der Antworten verwendet. Ist schon angenehmer, wenn man sich bei der Prüfung auf das Gelernte konzentrieren kann, statt auf die Schmerzen….
Auch konnte ich durch die Adaptionen meine Fehlstunden teilweise kompensieren oder Abgabefristen verlängern. Die Vereinbarungen mit den Lehrenden waren trotzdem mühsam, beispielsweise weil mir die Anfragen unangenehm waren oder ich immer dahinter sein musste, alles rechtzeitig und vorab zu besprechen bzw. im Akutfall Bescheid zu geben. Meistens hat mir aber allein die Möglichkeit die Anwesenheit zu kompensieren oder Arbeiten nachzureichen, die Chance gegeben mir meine körperlichen Ressourcen über die Woche so einzuteilen, dass ich in die Lehrveranstaltungen gehen konnte und die „Hausübungen“ am Wochenende oder in den Ferien gemacht habe.

Frau fotografiert sich im Spiegel. Gesicht ist mit dem Handy verdeckt, am Pulli ist das Logo der Universität Wien.
Universität Wien, Guten Tag. Die durchgedrehte Nebenstelle ist heute nicht erreichbar.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich entweder krank bin oder „aufhole“, was eine ziemliche Belastung bedeutet. Trotzdem werde ich auch meine Master bald abschließen und darauf freue ich mich schon sehr.

Auch in Hinblick auf das kommende „Corona-Semester“ bin ich gespannt (und ein wenig nervös), wie ich die Gradwanderung zwischen Risikogruppenzugehörigkeit und Anwesenheit mit FFP2-Maske meistern werde. Mir gibt die aktuelle Phase zumindest die Hoffnung, dass mehr Menschen sich für das Thema „Krankheit und Studium“ interessieren, sich informieren und bemerken, dass chronisch kranke Menschen Außergewöhnliches leisten.

Je mehr Sensibilität da ist, desto schneller und einfacher können Personen wie ich, sich auf das fokussieren, was sie können und weniger darauf, was sie nicht können.

Bachelor of Beeinträchtigung

Veranstaltungstipp 29.09.2020

Für Studienbeginner*innen mit Beeinträchtigung gibt es heuer einen digitalen Welcome Day vom Team Barrierefrei! Egal ob im Pyjama im Bett, unfrisiert auf der Couch oder halb schlafend, die Info-Veranstaltung gibt einen Überblick, wie man mit Beeinträchtigung an der Uni Wien studieren kann.

Ich bin auch dabei, aber nicht als Studentin 😉

3 Comments on “Ich bin „Bachelor of Beeinträchtigung“

  1. Congrats Lissi ! I m so proud to read you. I never doubt about your talent and bravure. Never forget your values that make what you are. I follow your work with all my attention from France.
    Good luck !

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